JAM: Februar 2003  
















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REPORTAGE: WILLKOMMEN IN GERMANIA mohan: 2003-01-31

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Adolf Hitler wollte die Reichshaupstadt Berlin umgestalten. Dabei wären gigantische neue Bauten entstanden. Aus Berlin wäre die Welthauptstadt Germania geworden.


Eine kleine Zeitreise: "Wir schreiben das Jahr 1950, Deutschland hat den Krieg gewonnen. Touristen verlassen den Zentralflughafen Tempelhof, das Luftkreuz Europas, und Blicken vor dem Gebäude auf einen riesigen runden Platz mit einer Brunnenanlage. Anschließend geht der Weg mit dem Taxi zum großen Triumphbogen, der nach den Plänen des Führers errichtet wurde. Seine Ausmaße sind gigantisch, etwa 120 Meter hoch, er symbolisiert die Größe des neuen Deutschland. Von dem Triumphbogen geht der Blick über die große Nord-Süd-Achse nach Norden. Hier steht das Herz der Reichshauptstadt, die seit kurzem in Germania umgetauft wurde, die große Halle des Volkes. Sie ist ein riesiger Kuppelbau mir 350 Meter Frontlänge und einer Höhe von 320 Metern. Ein wahrhaft gigantischer Bau, ein Wahrzeichen für das neue Deutschland. Hier können 180.000 Menschen den Worten des Führers lauschen auf dem davor liegenden Adolf-Hitler-Platz noch einmal ca. 1.000.000. Wahrlich hier wird deutlich, was der Satz bedeutet, du bist nichts, dein Volk ist alles."

Nach diesem kleinen Ausflug in die Vergangenheit zurück zur Gegenwart. Denn von den gigantischen Planungen für die Welthauptstadt Germania ist ja bekanntermaßen oder auch glücklicherweise nichts geworden. Einige wenige Gebäude wurden gebaut z.B. Flughafen Tempelhof, Reichsluftfahrtministerium, Neue Reichskanzlei), die Ost-West-Achse ist teilweise fertig gestellt worden und besonders im Untergrund gibt es Reste der Germania Planungen. Dazu gehören z.B. Straßentunnel vor dem sowjetischen Ehrenmal, heute nicht nutzbar, auch einige U-Bahn-Tunnel. Der U-Bahnhof Potsdamer Platz wurde 1939 eröffnet und nach der Wende im Stil der 30er Jahre restauriert. Aber auf das Hakenkreuz hat man dann doch lieber verzichtet. Auch der heutige Standort und die Höhe der Siegessäule sind Ergebnisse der Germaniaplanungen. Sie ist ein Blickfang der Ost-West-Achse, ein weiterer wäre auf dem Theodor-Heuß-Platz (früher Reichskanzlerplatz) entstanden.

Damit habe ich mir auch schon das passende Stichwort gegeben. Der Verein Berliner Unterwelten e.V. veranstaltete ein Seminar zum Thema Germania. An diesem nahm ich teil und berichte ich euch jetzt, was wir da so alles gesehen haben. Zunächst ging es mit etwas Theorie zur Architektur im Nationalsozialismus los. Diese Einführung fand in den Räumen des Vereins in einem alten Luftschutzbunker statt. Es war wirklich interessant, welche gigantischen Bauwerke da entstehen sollten. Große Halle des Volkes, Adolf Hitler Palais, Reichsmarschallamt (350 Meter Frontlänge), Soldatenhalle, Nord- und Südbahnhof (beide etwa 250 Meter Frontlänge). Einige Gebäude stehen ja bereits, die ab 1934 gebaut wurden (Reichssportfeld mit Olympiastadion, Reichsbank oder Reichsluftfahrtministerium mit 250 Metern Frontlänge). Das größte Gebäude aus dieser Zeit ist der Flughafen Tempelhof (der Gebäudeteil zum Flugfeld ist 1300 Metern lang). Es war damals das größte zusammenhängende Gebäude der Welt, heute ist es das viert größte, das größte außerhalb der Vereinigten Staaten.

Ein Teil dieser Gebäude besichtigten wir auch, das Reichsluftfahrtministerium, in dem heute das Bundesfinanzministerium untergebracht ist und zu dem man normalerweise keinen Zutritt hat. Auch durch den Flughafen Tempelhof erhielten wir eine Spezialführung mit Luftschutzbunker und Dokumentenbunker. Einige Stellen mit geplanten Bauten haben wir ebenfalls besichtigt, um uns eine Vorstellung zu verschaffen, wie sich das Bild der Stadt durch diese Eingriffe sich stark verändert hätte.

Eins war auch klar, diese Megalomanie konnte nur im Rahmen einer Kriegswirtschaft realisiert wurden. Die Arbeiter würden zwangs rekrutiert werden, es kämen aber auch Kriegsgefangene und KZ Häftlinge zum Arbeitseinsatz. Somit wäre die Arbeitskraft billig zu haben. Auch die riesigen Mengen an Naturstein hätten aus ganz Europa herbeigeschafft werden müssen. In einem von Deutschland beherrschten Europa wäre dies wohl alles kein Problem gewesen. Da besonders der Nord-Süd-Achse etwa 56.000 Wohnungen zum Opfer gefallen werden, hätten jede Menge Wohnungen neu gebaut werden müssen. Da aber die Arbeiter auch die Prunkbauten sollten, hätte es Engpässe gegeben. Daher kam der verantwortliche Architekt Albert Speer auf die Idee, die Juden aus ihren Wohnungen zu verdrängen, zunächst in kleinere neuzubauende Wohnungen, später direkt in die Vernichtungslager im Generalgouvernement. Somit hängen die Germaniaplanungen direkt mit der Vertreibung der Berliner Juden zusammen.

Zurück zu den Arbeitern, sie wurden in Europa rekrutiert, da es nicht genug Deutsche gab bzw. diese im Krieg kämpften. Diese wurden in Barackenlagern untergebracht und schlecht entlohnt, Westarbeiter (Flamen, Niederländer, Franzosen usw.) besser als Ostarbeiter (Polen, Tschechen, Russen usw.). Später kamen Kriegsgefangene dazu. Ein solches ehemaliges Lager besuchten wir, die Arbeiterstadt Große Halle. Da die Große Halle ein Repräsentationsobjekt war, dachte man, man müsse den Arbeitern etwas "Luxus" bieten. Daher wurden Häuser aus Stein mit Heizung und ausreichend sanitären Einrichtungen. Wir dürfen darüber trotzdem nicht vergessen, dass das Leben in diesem Lager keinesfalls wie ein Aufenthalt im Kurort war (Zitat aus der Werbepropaganda für das Lager), sondern die Arbeitsbedingungen ziemlich hart waren. Ein flämischer Arbeiter beschrieb die Situation als "gefangen in Freiheit". Die Arbeiterstadt wurde nie für ihren eigentlichen Zweck benutzt, die Große Halle wurde nie begonnen, eine Woche vor Grundsteinlegung begann der Frankreichfeldzug.

Für die Bauarbeiten an Germania sind auch KZ Häftlinge aus dem Lager Sachsenhausen herangezogen worden. Unter unmenschlichen Bedingungen mussten sie bis zu zwölf Stunden am Tag bei mangelnder Ernährung im Klinkerwerk arbeiten. Auch dies wieder ein Hinweis darauf, dass der Umbau Berlins zur Welthauptstadt Germania nur durch die Ausbeutung und Unterdrückung anderer Völker machbar gewesen wäre. Die Hauptstadt hätte allen Völkern (nicht nur den Unterworfenen) die Macht und Größe des Großdeutschen Reiches vor Augen geführt. Seht her, wir sind die Macht, ihr seid nichts.

Damit will ich meine Ausführungen zu Germania beenden. Es gäbe noch viel mehr zu erzählen, so haben wir z.B. zwei Straßentunnel besucht, die nicht öffentlich zugänglich sind und einen Großbelastungskörper, mit dem die Tragfähigkeit des Untergrunds für solch gigantische Bauwerke untersucht wurde. Wer mehr wissen will, der kann mich einfach fragen oder dem empfehle ich folgendes Buch:

Hans J. Reichhardt, Wolfgang Schäche
Von Berlin nach Germania
Transit Buchverlag
ISBN 3-88747-127-X

Seid ihr neugierig geworden? Das Seminar "Reichshauptstadt Germania" wird vom 2.6.-6.6.2003 wiederholt. Weitere Infos und das Programm findet ihr auf den Seiten des Veranstalters, dem Verein Berliner Unterwelten e.V.:

www.berliner-unterwelten.de


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