JAM: Dezember 2002  
















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REPORTAGE: REINHARD MEY LIVE IN MANNHEIM mohan: 2002-11-15

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Der Liedermacher Reinhard Mey war wieder zu Gast im Mannheimer Rosengarten. Er spielte ein buntes Programm seiner Lieder, vorwiegend neuere.


Reinhard Mey ist so etwas wie ein Urgestein bei den Liedermachern. Seit über dreißig Jahren singt er nun seine Lieder und er hat noch nichts verlernt. Noch immer kommentiert er sehr treffend und kritisch das aktuelle Zeitgeschehen und singt über persönliche Erlebnisse. Und er kommt ohne großes Brimborium aus. Da steht einfach nur ein Mann mit seiner Gitarre auf der Bühne. Das Publikum war begeistert und jubelte. Einige Frauen und Mädchen kreischten fast schon wie bei einem Auftritt von Teeniestars. Auch für seine Tochter sei er die kleinste Boygroup der Welt, sagte Reinhard Mey bei einer Ansage. Allerdings gab es auch einige im Publikum, denen das laute Rufen nicht so passte. Sie gehören wohl eher zu der Sorte "superfeines" Publikum, das andächtig in den heiligen Hallen des Musentempels Rosengarten sitzt und andächtig dem Dargebotenen lauscht.

Wo ich gerade beim Publikum bin, es war sehr gemischt, nicht nur ältere Semester fanden den Weg zum Konzert, auch viele Jüngere (nicht nur Kinder mit ihren Eltern). Reinhard Mey ist wohl jemand, der generationenübergreifend gehört wird. Und er hat immer noch was zu sagen, die Themen gehen ihm wohl so schnell nicht aus. Vorlagen kommen aus der Politik und seinem persönlichen Umfeld. Dies ist eine gute Überleitung zum Konzert.

Wie immer stürmte Reinhard Mey in schwarz gekleidet mit jugendlichem Schwung auf die Bühne. Er stieg mit dem Lied "Das Narrenschiff" ein, das sehr treffend die politische und gesellschaftliche Lage in Deutschland beschreibt, aktueller denn je. Anschließend gab er mit "Ein Stück Musik von Hand gemacht", die musikalische Richtung des Abends wieder. Hier stand ein Musiker, der auf einem Instrument handgemachte Musik spielte, die auch ohne Technik auskommt. Das weitere Konzert war eine Mischung aus älteren und neueren Liedern, mal heiter, mal persönlich, mal nachdenklich. Die ganz alten Lieder aus den Sechzigern und Siebzigern fehlten allerdings. Von seinem aktuellen Album "Rüm Hart" spielte Reinhard Mey fast alle Lieder.

Da viele seiner Texte nicht "veralten", hat er in seinen Ansagen manchmal auch einen aktuellen Bezug herstellen können, z.B. bei "Sei wachsam", in dem er dazu auffordert, "denen da oben" auf die Finger zu sehen. Auch das Lied "Der kleine Wisel", in dem er in Form einer Fabel Gewalt gegen Kinder besingt, war sehr aktuell, der Mord an Jakob von Metzler lag noch nicht lange zurück. Aber Reinhard Mey gab nicht nur nachdenkliche Töne zum besten, einige Lieder mit persönlichen Erlebnissen hatten auch einen heiteren Hintergrund, z.B. der Besuch in der Dessousabteilung ("Neulich in der Dessousabteilung") oder bei Betrachtungen über das menschliche Gesäß ("Pöter"). In anderen persönliche Geschichten ging es ums Thema Schule ("Zeugnistag", "Faust in der Hand"), eigentlich seit PISA auch aktuell und die obligatorischen Liebeserklärungen an seine Frau ("Immer mehr").

Was immer er besingt, es ist 100% authentisch, hier steht jemand auf der Bühne, der ungeschminkt darüber singt, was ihn bewegt. Vielleicht ist auch gerade das sein Erfolgsrezept. In einer Zeit, in der wir von vielen Leuten belogen werden und Kritik nur am Rande zur Sprache kommt (sie passt wohl nicht so ganz in das Bild einer passiven Konsumgesellschaft, in der sich jeder sich selbst der Nächste zu sein scheint), tut so was richtig gut. Natürlich ist da auch noch die Schwierigkeit, dass keiner gerne über Probleme redet, sie werden lieber ausgesessen oder ignoriert.

Zurück zum Konzert, Reinhard Mey schafft es immer wieder in seine Ansagen kleine Geschichten und Anekdoten einzuflechten, mal heiter mal nachdenklich. Er zieht seine Zuhörer stets in seinen Bann, Routine scheint für ihn auch nach so vielen Jahren ein Fremdwort. am Ende spielte Reinhard Mey wie immer ein neues Lied. Diesmal war allerdings nur der Text neu. Er verpasste dem Lied "Irgendein Depp bohrt immer irgendwo" einen neuen Text, diesmal ging es um seinen Urlaub auf Sylt, bei dem er sich durch den Rasenmäherlärm der Nachbarn gestört fühlte. Alles Gute hat einmal ein Ende, so auch das Gastspiel von Reinhard Mey, nach etwa 2 1/2 Stunden und drei Zugaben verließ er die Bühne und hinterließ ein begeistertes Publikum. Beim nächsten Mal bin ich wieder dabei.

Hörbeispiel: Gernegroß


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