STUFF: November 2002  
















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KURZGESCHICHTE: WAS WAR PASSIERT? anonym: 2002-10-01

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Mit dieser Frage beschäftigten sich bis zum 5. November 1997 nicht nur Anwälte, Psychologen und Gutachter, sondern auch ich. Ich, der am 6. Dezember 1996 einen tragischen Autounfall mit verhängnisvollem Ausgang hatte.


Die Staatsanwältin warf mir fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor. Ich hatte also, wenn auch ohne Absicht, den Tod eines Menschen verursacht, eines Menschen, der zu meinen besten Freunden zählte.

Der 6.12. ist ein eisiger Tag, die Meteorologen sagen Frost an, aber der Himmel ist klar. Dass dieser Tag mein gesamtes Leben ändern wird, ist noch nicht abzusehen. Wie soll auch ein Vorzeichen aussehen? Etwas, das dir sagt, HALT, lass das Auto heute stehen. Kein Zeichen. Der Tag beginnt also ganz normal. Vormittags Berufsschule, anschließend Essen fahren und nachmittags ein paar unbedeutende Besuche bei Freunden. Bei denen traf ich Maik. Wir kennen uns seit der Grundschule und bis auf ein paar Reibereien, die unter Jungs in dem Alter normal sind, konnte man sich immer auf den anderen verlassen.

Am späten Nachmittag kommen wir dann auf die Idee, abends zur Disco zu fahren. Maik schlägt vor, ein Lokal in Ahlbeck auf der Insel Usedom zu besuchen. Für einen Jugendlichen aus Berlin, ohne Führerschein und mit einem nicht zugelassenem Wagen, eine ziemlich weite Strecke. Es ist jedoch nicht all zu viel Überredungskunst erforderlich, um mich trotzdem für die Fahrt zu begeistern.

Der 6. Dezember ist doch aber Nikolaustag und ich muss doch eigentlich nach Hause. Meine Mutter liegt mir doch schon die ganze Woche in den Ohren, ich soll doch Mal wieder nach Hause kommen. Wäsche waschen muss sie ja schließlich auch noch. Aber dazu ist morgen auch noch Zeit.

Also los, schnell noch einen Happen essen, tanken und dann steht einem ausgedehnten Abend nichts mehr im Wege. Kurz hinter der Tankstelle: Polizeikontrolle. Ob sie mich raus winken und damit das Unglück noch abwenden? Nein, also geht die Fahrt weiter.

"He, da ist Kai". Wir kennen uns ebenfalls seit über 10 Jahren und er will auch mitkommen. Warum nicht, zu dritt haben wir bestimmt eine Menge Spaß. Jetzt wird es schon langsam dunkel und wir haben noch 3 Stunden Fahrtweg vor uns, ... und in 14 Stunden ist einer von uns tot und die anderen beiden sind schwer verletzt.

Warum hält uns immer noch keiner auf? Wir fahren etwas zügiger, denn nun ist es schon nach 20 Uhr. Der Weg ist schon fast geschafft, als wir gegen halb elf einem Autofahrer nach einer Reifenpanne unsere Hilfe anbieten. Jeder weiß doch wie gefährlich es ist, nachts auf einem dunklen Parkplatz zu halten, aber falls uns etwas passiert, wollen wir auch, dass uns jemand seine Hilfe anbietet.

Der Hilfesuchende bedankt sich noch und schon sieht er bloß noch unser Rücklicht, denn wir sind schon wieder unterwegs. Ach ja, mir fällt gerade ein, dass ich meinen Bruder Tobias noch anrufen muss. Es klingelt ziemlich lange bis er endlich abnimmt. Nachdem er sich bedankt hat, dass ich ihn geweckt habe, erzählt er mir, dass Mutti enttäuscht war, weil ich nicht nach Hause gekommen bin. "Ob ich ein bißchen blöd sei, eine so weite Strecke zu fahren", fragt er mich. Ich bin doch noch jung und da geht das schon, erkläre ich ihm, bevor wir das Gespräch beenden.

Auch er sagt nicht, drehe um und komm zurück.

Jetzt ist es gleich Mitternacht und wir sind endlich angelangt. Aber was ist das? Die Diskothek ist gerade dabei zu schließen und die Gäste sind bereits auf dem Weg nach Hause. Aber wir nicht.

Wir fahren doch keine 4 Stunden bis hier hoch und hauen dann einfach so wieder ab. Ich habe dahinten eine Tankstelle gesehen und da fahren wir jetzt erst Mal hin. Das Benzin ist schon wieder alle und Durst haben wir ja schließlich auch noch.

Mein Gott, hat das Dorf viele Einbahnstraßen und ständig müssen wir über den Hof des Polizeireviers fahren. Oh, direkt am Strand ist doch noch ein Lokal geöffnet, aber uns wird wegen der Kleiderordnung der Zutritt verwehrt. Da es nun schon weit nach Mitternacht ist, treten wir völlig enttäuscht die Heimfahrt an.

Auch dieses Mal fahre wieder ich, Maik wacht auf dem Beifahrersitz und Kai schläft auf der Rückbank. Auch ich werde müde, wenn ich doch bloß eine Tankstelle oder einen Rastplatz entdecken würde.

Bis nach Neubrandenburg noch und dann machen wir erst Mal halt.

2 Sekunden die Augen schließen, dann wird es besser, 2 Sekunden, dann bin ich wieder wach.

Aber was ist das?

Da, wir fahren direkt auf den Baum zu. Ich schaffe es nicht mehr den Wagen auf die Straße zu bringen und wir kollidieren einen Augenblick später mit dem Baum.

In der Anklageschrift wird später stehen, dass die Geschwindigkeit zwischen 96 und 113 km/h betragen hat.

Nach unzähligen Minuten realisiere ich erst das voran gegangene. Kai vor Schmerz schreiend, veranlasst mich, nach hinten zu sehen, wobei ich erkenne, dass Maik am Kopf blutend auf seinem Sitz eingeklemmt ist. Er reagiert nicht mal auf unser Geschrei. Auf einmal werde ich panisch und versuche die Tür auf zu stoßen, nur um diesem Anblick und diesem Geschrei zu entkommen.

Es gelingt mir, mit etwas Mühe das Fahrzeug zu verlassen und ich sinke völlig kraftlos wenige Meter entfernt zu Boden. Weil ich nur leicht bekleidet auf der Straße liege, lässt der Schock schnell nach und ich merke, dass ich mich nicht mehr rühren kann.

Nach scheinbar endlos langer Zeit nähert sich Hilfe. Der Fremde will wissen, ob Hilfe von Nöten ist, und besteht darauf, in den nächsten Ort zu fahren um Hilfe zu holen. Auf meine Bemerkungen, dass im Auto ein Telefon liegt, reagiert er nicht und schon ist er wieder verschwunden.

Irgend wann kommt richtige Hilfe. Überall ist Hektik und um mich herum sind blaue Lichter und Scheinwerfer. Jetzt, wo ich im Krankenwagen liege, wird mir warm und ich weiß, alles wird gut. Wo sind die anderen, will ich wissen und der Sanitäter versucht mich zu beruhigen. Dies gelingt ihm jedoch erst, nachdem er mir verschiedene Spritzen verabreicht hat.

Ich liege jetzt auf irgend einem Krankenhausflur und mein Körper ist immer noch zu keiner Regung fähig. Geistig jedoch kann ich alles um mich herum realisieren und bemerke, dass irgendwo in meiner Nähe eine Maschine ihren regelmäßigen Piepton in einen schrecklichen Pfeifton verändert hat. Ich spüre genau, dass irgend etwas nicht in Ordnung ist und bitte um Informationen. Jedoch werde ich nur aus der Nähe dieser Maschine entfernt.

Ein Arzt kommt mit ein paar Papieren zu mir, und stellt mir Fragen deren Zusammenhang ich nicht verstehe. Kurze Zeit später werde ich in den Operationssaal geschoben und der Anestesist erklärt mir seine Arbeit und der operierende Professor berichtet mir, dass es sehr ernst um mich steht. Ich dachte doch aber, dass alles wieder gut wird und schlafe ein.

Als ich erwache, steht meine Mutter im Aufwachraum an meinem Bett und weint. Auch meinem Vater steht die Trauer und das Entsetzen im Gesicht.

Ich glaube, dass sie mehr als ich wissen, wollen aber dennoch wissen, was geschehen ist. Ich weiß es selber nicht genau und bin so müde. Ich will nur schlafen.

Meine nächste Umgebung ist ein Krankenzimmer und als ich zu mir komme, erscheint ein Arzt, der mir erklärt wie und warum ich operiert wurde. Er fügt noch hinzu, dass ich in wenigen Stunden erneut operiert werden muss. Lebensnotwendige Organe konnten bei der ersten Operation noch nicht behandelt werden. Man musste erst die weitere Entwicklung abwarten. Nach dieser Operation habe ich immer noch starke Schmerzen und als ich dagegen ein Mittel bekomme, fallen mir wieder meine Freunde ein. Was war mit ihnen passiert und wie geht es den beiden jetzt?

Die Schwester sagt mir, dass Kai auf einer anderen Station liegt und das es ihm gut geht. Über Maik hüllt man sich komplett in Schweigen, und mich beschleicht eine grauenvolle Ahnung. Nach und nach kehrt meine Erinnerung zurück und meine Ahnung wird zur Gewissheit. Man wollte mich mit der Wahrheit nicht gleich konfrontieren und habe sie mir deshalb so lange verschwiegen.

Mein Freund hatte keine Chance und man wollte es mir verheimlichen.

Ich sitze nun vor Gericht und erzähle den Anwesenden, an was ich mich erinnern kann. Meine Anwälte geben mir viele juristische Tipps, in denen ich die Schuld von mir auf Maik schieben soll. Ich solle sagen, er habe mir in das Lenkrad gefasst.

Ich bin Schuld an seinem Tod und soll dies nun bestreiten?

Nein!

Die Konsequenz ist 3 Jahre 5 Monate Gefängnis ohne Bewährung. Dies alles jährt sich dieses Jahr zum 4. Mal.
4 Jahre sind 1461 Tage.

1461 Tage, in denen ich unzählige Male in meiner Gefängniszelle nach diesem Traum erwacht bin.
1461 Tage, in denen ich diesen Ausflug, der zu einer Todesfahrt wurde, nicht verarbeiten und nicht vergessen konnte.

Nach all dieser Zeit habe ich immer noch nicht mit Kai darüber gesprochen.
Auch Maiks Familie habe ich seit diesem Tag nicht wieder gesehen.

Viel ist seit dieser Zeit geschehen und ich danke ganz besonders meiner Familie, dass sie immer noch die Kraft hat, um zu mir zu stehen.


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