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REPORTAGE: MEIN CELLO HAT MIR MEIN LEBEN GERETTET natascha ansari: 2002-09-14

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Eine Auschwitz-Überlebende berichtet Schülern in Den Haag über die Nazi-Zeit. Anita Lasker-Wallfisch bei einer Lesung aus ihrem Buch "Ihr sollt die Wahrheit erben"


Wir schreiben den 8. März 2001; die Schüler der Klassen 9 bis 13 einer deutschen Schule in Den Haag strömen in die kleine Turnhalle und fangen die neugierigen Blicke der Besucher vom Lycée Français und von der British Senior School auf, quetschen sich auf die freien Sitzplätze und warten gebannt auf den Ehrengast. Nach einer kurzen Einleitung von der Schulleiterin gibt sich eine schmale Gestalt mit ernster Miene zum Rednerpult und beginnt mit den Worten:

"Der Holocaust geschah vor etwa 60 Jahren und man sollte doch annehmen, dass das Interesse an einem Genozid langsam nachlässt ­ aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein." Anita Lasker-Wallfischs Eingangsworte sind die Worte eines Menschen, der die Hölle auf Erden miterleben musste und dennoch den Mut aufbringt, die Erfahrungen einer Augenzeugin des beängstigenden Terrors des Dritten Reich mit uns, der Generation der Nachgeborenen, zu teilen.

Gebannt blickt das Publikum auf sie... Weder das übliche Rascheln wie im gewöhnlichen Unterricht, noch andere Geräusche sind zu vernehmen, ja kaum ein Atemzug ist zu hören, denn was nun folgt, wird in keinem Geschichtsunterricht gelehrt. Die Autorin, die das Buch "Ihr sollt die Wahrheit erben" ursprünglich für ihre Kinder geschrieben hatte und dieses letztendlich der Öffentlichkeit doch preisgab, führt die Erzählung über ihr eigenes Leben mit ruhiger Haltung fort:

"Mein Leben begann als ganz normales Kind. Dann wurde ich ein dreckige Jüdin, um zu einer Unerwünschten zu werden; ­zur Vernichtung preisgegeben. Schließlich ­ als ich von der Britischen Armee befreit wurde, am 15. April 1945, wurde ich zu einer Vertriebenen." Anita, die deutsche Jüdin, sechzehn Jahre jung, verlor ihre Eltern 1942 durch den Massenmord der Nationalsozialisten. Sie wurden in den Osten abtransportiert. Das junge Mädchen wurde gezwungen, in einer Papierfabrik zu arbeiten. Selber verhalf sie Menschen zu fliehen, bis sie dem Druck im Lande nicht mehr länger Stand halten konnte. Anita und ihre Schwester zogen mit gefälschten französischen Pässen los. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihnen, denn bereits am Bahnhof, dem Tor zur Freiheit, wurden sie kontrolliert, inhaftiert und für ein Jahr ins Gefängnis verbannt. Ohne beim üblichen Selektionsverfahren "sortiert" zu werden, kamen beide nach Auschwitz ins Konzentrationslager. Wie es dort üblich war, hatten "Kriminelle" mehr Privilegien als unbescholtene jüdische Bürger, da sie der Selektion entrannen.

"Glück im Unglück", was hier schon fast makaber klingt, hatte Anita, da sie als Cello-Spielerin in das Orchester des Vernichtungslagers aufgenommen wurde. Somit erwarb sie sich eine "gesicherte" Stellung unter den Lebenden und konnte gleichzeitig ihrer Schwester das Leben retten, indem sie dafür sorgte, dass auch diese ins Orchester aufgenommen wurde.

Doch die "Paraden", zu denen das Orchester aufspielte, hörten auf, als sie ins KZ Bergen-Belsen verfrachtet wurden und bis zur Befreiung dort vor sich hinvegetierten. Anita Lasker-Wallfischs Äußerung hierzu: "Durch Zufall habe ich überlebt; ­eine Art Kriegsdenkmal auf Beinen..." Ihren Humor hat sie nicht verloren, auch wenn er nach all den grausamen Erlebnissen verbittert und trocken ist. Dies wird besonders deutlich, während sie all die Fragendes Publikums beantwortet, nachdem sie ihre Lesebrille abgenommen und behutsam auf das Rednerpult gelegt hat.

Die Zuhörer sitzen wie angewurzelt auf ihren Sesseln und versuchen Anita Lasker-Wallfischs Geschichte langsam zu verdauen. Sie applaudieren, doch nicht aus Begeisterung, wie es gewöhnlich der Fall ist, sondern aus Respekt und Hochachtung vor einer Frau, die nach einem grausamen Lebensabschnitt in ihrer Jugend noch so viel Charisma ausstrahlt.

Dann prasseln viele Fragen der Zuhörer nur so auf Frau Lasker-Wallfisch nieder. Die wohl häufigste Frage, die gestellt wurde war: "Wie konnten Sie überleben?"

Doch darauf kann nicht einmal die Autorin, Opfer der Nazis, eine konkrete Antwort geben. Sie erzählt,dass die Häftlinge zusammenhielten, so gut sie konnten, man durfte sich nicht gehen lassen, das wäre sonst das eindeutige Ende gewesen: "Wir lebten von Stunde zu Stunde. Jeden Tag fesselte sich die Verzweiflung förmlich an die Überlebenden, dass sich manch einer den plötzlichen Tod herbei wünschte: Als Bomben auf Auschwitz geworfen wurden, waren wir begeistert!"

Als eine Schülerin der Klasse 10 fragt, ob sie sich als Überlebende nicht gegenüber den Ermordeten in gewisser Weise schuldig fühle, bejaht Frau Lasker-Wallfisch, doch fügt sie hinzu: "Wir Überlebenden sind die Stimmen der Menschen, die nicht mehr reden können."




Informationen zum Buch:

Erschienen bei Rowohlt 2000
ISBN 2134301
Preis: EUR 8.50


Inhalt:
Erinnerungen der Cellistin von Auschwitz Taschenbuch, 253 Seiten, 29 s/w-Fotos. Mit einem Vorwort von Klaus Harpprecht. Anita Lasker-Wallfisch, Cellistin im English Chamber Orchestra, gehörte zum "Mädchen-Orchester" in Auschwitz. Ihre Lebenserinnerungen sind das eindrucksvolle Zeugnis eines deutsch-jüdischen Familienschicksals und eine sehr persönliche, anrührende Chronik einer Überlebenden des Holocaust.


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