STUFF: September 2002  
















!MARCS young electronic magazine lebt von eurer Unterstützung! Schreibt uns eure Ideen und Gedanken! Schreibt uns eure Kritik und empfehlt uns weiter!

Eure !MARCS Redaktion
REPORTAGE: STRAßENKINDER IN DEUTSCHLAND miri: 2002-08-27

Druckversion
XXL-Version

Kälte, Einsamkeit, Dreck, Krankheiten, Drogen... keine Familie, oft keine Freunde, kein Schlafplatz und keine warme Dusche... Stell’ dir vor, du lebst auf der Straße... Strassenkinder gibt es überall auf der Welt, auch in Deutschland. Wie leben sie? Warum sind sie auf der Straße?


"Eines kotzt mich wirklich sagenhaft an, was man nicht in einem Bild zusammenfassen kann. Die meisten Leute denken vollkommen falsch von Straßenkindern. Sie denken zum Beispiel, das Leben auf der Straße wäre einfach cool und gehört bei vielen Jugendlichen eben zur Mutprobe, um in eine ganz tolle Clique reinzukommen. Sie denken, Drogen werden genommen, weil’s cool ist. So ein Schwachsinn!!! (...) Wer guckt denn mal hinter die Kulissen? Was muss passiert sein, wenn jemand die Straße dem Elternhaus vorzieht?! Was gehört alles dazu, dass jemand, um nicht psychisch zu krepieren, sich in schweren Drogen verliert?! Was ist da alles zerbrochen?! Nein, ich nenne keine Beispiele! Es würde zu viel werden und außerdem kann jeder selbst mal nachdenken - ENDLICH!"
Anonym

Selbst mal nachdenken... Wenn es einem selbst gut geht, vergisst man viel zu schnell, dass es auch in Deutschland Straßenkinder gibt, schätzungsweise 1500-2500 Jugendliche, die in leerstehenden Häusern, Bahnhöfen, oder an anderen öffentlichen Plätzen leben. Im Mittelpunkt ihres Lebens steht das eigene Überleben, für anderes haben sie oft keinen Blick mehr. Was bringt einen dazu, sich von allem, was das bisherige Leben ausgemacht hat, abzuwenden? Auf die Straße zu fliehen, ohne zu wissen, was einen erwartet? In Entwicklungsländern, wo die Bezeichnung Straßenkinder herkommt, werden Kinder oft aufgrund der großen Armut von ihren Eltern ausgesetzt. Die "Straßenkinder" in Deutschland sind hauptsächlich Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren, die aus ganz anderen, meist nicht materiellen Gründen auf der Straße leben. Armut ist ebenso wie Schule (wenn überhaupt!) nur ein weiterer Grund, abzuhauen. Meistens sind es Familienprobleme, wegen denen die Jugendlichen ihr früheres Leben "einfach nicht mehr ausgehalten" haben. Das zeigen unter anderem die Ergebnisse einer Umfrage des Institutes für Soziale Arbeit e.V.:


  • 50% der befragten Straßenkinder bejahen "Wir waren eine Familie."
  • 25% aller Straßenkinder wurden von ihren Eltern misshandelt.

  • Die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen reichen von Schlägen mit Kabeln, Knüppeln und Peitschen über Knochenbrüche bis zu "Aus-der-Dusche-ziehen" eines nackten Kindes mit anschließendem sexuellen Missbrauch durch ein Elternteil.

  • 66% der Jugendlichen bezweifeln, das ihre Mütter sie gerne hatten, bei Vätern noch mehr.
  • 66% Scheidungskinder bzw. Kinder von Alleinerziehenden.


"Straße" ist dann scheinbar ein Ausweg aus einer aussichtslosen Situation. Zuerst ist das Straßenleben auch neu und aufregend, doch bald machen einem Kälte, Einsamkeit und Armut zu schaffen. Dazu kommen nach einiger Zeit Drogen und Krankheiten wie Krätze und Kleiderläuse. Im Mittelpunkt des Straßenlebens steht das eigene Überleben. Straßenkinder werden von sehr vielen Menschen abgelehnt, weil sie zu anders sind, oder durch "herumlungern" verärgern. Wer sie auf der Straße sieht, erwartet nicht unbedingt, dass das Menschen sind, die ihr Leben verändern wollen und auch verändern können, wenn man ihnen die Chance dazu gibt. Dadurch bleiben sie in der Szene unter sich; betteln, Prostitution, dealen und Diebstähle sind die Haupteinnahmequellen.

Viele Straßenkinder träumen von einem ganz normalen Leben. Schulabschluss, Berufsausbildung, Arbeit, eigene Wohnung, Familie und Kinder und ein Leben ohne Drogen. Eigentlich ziemlich bürgerliche Vorstellungen... aber wie viel angenehmer so ein Leben ist, das die meisten von ihnen nie erlebt haben, sehen sie jeden Tag. So ein Leben verspricht Sicherheit und Geborgenheit – genau das, was ihnen im Straßenleben so fehlt.


"... Das war für mich alles – nicht schön war das. Aber ok, irgendwie habe ich mir auch gesagt, es war deine eigene Entscheidung, irgendwie musste da durch. Du willst nicht zurück, du willst nicht ins Heim, was willste machen? Also musst du zusehn, dass du dein Leben selbst auf die Reihe kriegst, und dir selber alles aufbaust."
Sunshine





Die beiden Bilder stammen von der Internetseite www.offroadkids.de. Off-Road-Kids e.V. unterstützt "...Kinder, Jugendliche und Heranwachsende, die in Deutschland in Obdachlosigkeit leben oder von Obdachlosigkeit bedroht sind (waren), bei der Recherche nach der bestmöglichen Perspektive."


Weitere Artikel zum Thema "Strassenkinder":


Gastartikel von unserem Partnermagazin "net-thinkers" (www.net-thinkers.de)


Weitere Artikel von miri


JAM | STUFF | NUTS
home | this month | guestbook | forum | archive | search
impressum | links | shop
 
ARCHIVE: ARTIKEL VON MIRI
BUCHTIPP
STRAßENKINDER IN DEUTSCHLAND

Nach dem Artikel über Straßenkinder möchte ich euch nun auch drei sehr verschiedene Bücher zum Thema vorstellen, die man unbedingt lesen sollte! Eine Autobiografie, ein Roman und ein Fotoband.

 

© 1997 - 2020
!MARCS

electronic magazine

driven by
IBM RS/6000
and apache

Mit ICRA
gekenn-
zeichnet