STUFF: Oktober 2004  
















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REPORTAGE: GEMEINSAM GEGEN RECHTS mohan: 2004-09-25

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Anlässlisch der ersten Stadtratssitzung in Dresden, in den erstmals Neonazis einzogen, fand vor dem Rathaus eine Kundgebung statt. An dieser nahmen viele linke Jugendliche teil. Entsprechend war dann das geplante und ungeplante Programm: u.a. kurzzeitige Stürmung des Rathauses, Punk-Konzert und Auseinandersetzungen mit den Rechten.


Als ich bei meinem Besuch in Dresden so durch die Straßen lief, kam ich auch am Rathaus vorbei. Doch vor dem Eingang hatten sich nicht die dort vielleicht zu erwartenden Touristen versammelt. Nein es war ein recht bunter Haufen, überwiegend junger Menschen. Einige sahen "typisch links" aus, es waren Punks darunter, Alternative und auch Studenten. Aber auch "normal" aussehende Menschen mischten sich darunter. Manche hatten Transparente mit Sprüchen gegen rechts. Auch die Symbole der Jusos, der Grünen und von Antifaschisten machte ich aus. Daher blieb ich neugierig stehen und schaute mir das an, was da kommen sollte. Den Grund dieser Versammlung fand ich ziemlich schnell heraus. Bei der Wahl zum Stadtrat zog das Nationale Bündnis Dresden in das Stadtparlament ein. Dahinter verbergen sich Neonazis, u.a. Mitglieder der NPD. Einer der gewählten Abgeordneten ist der stellvertretende NPD-Vorsitzende Holger Apfel.

Die Kundgebung lief so ab, wie ich es noch von früher kannte. Zunächst richteten einige Redner das Wort an das anwesende Volk. Vertreter der SPD, Grünen und PDS forderten dazu auf, jede Zusammenarbeit mit dem Nationalen Bündnis Dresden zu unterlassen. Damit das Ganze nicht "zu trocken" verlief, spielte zwischendurch die Punkband Ole and the Orks. Mit minimaler technischer Ausstattung spielten sie auf. Der Sänger richtete die klaren Aussagen der Band in Richtung Rathaus. Die Musik erinnerte mich an den alten Politpunk mit Hardcoreeinflüssen. Hat mir gut gefallen. Die laute Musik ließ auch vorbeilaufende Passanten aufmerksam zum Rathausvorplatz schauen. Nach dieser musikalischen Einlage sprachen noch ein Verteter des Ausländerbeirats und ein Veranstalter der Montagsdemos.

Danach wurde alles für den Demonstrationszug vorbereitet. Insbesondere wurde die Lautsprecheranlage auf dem Dach des Jusobusses montiert und Banner und Transparente ausgebreitet. Doch die Vorbereitungegen wurden kurz unterbrochen, als plötzlich einige der Neonazis aus dem Rathaus heraustraten. Ob sie damit wohl provozieren wollen, ich denke mal schon. Denn die zu erwartende reaktion blieb nicht aus. Es flogen Eier und Äpfel ("Gebt den Nazis den Apfel zurück.") in ihre Richtung. Auch Parolen wurden in ihre Richtung geschrieen (z.B. "Weg mit der Nazipest in Ost und West"). Als auch noch Flaschen flogen griffen die Ordnungshüter ein und schoben die Nazis wieder ins Rathaus zurück. Die Presse hatte jetzt ihr Klischeebild von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Chaoten. Allerdings sei die Frage schon erlaubt, ob so eine Eier- und Apfelwurfaktion der Sache dient.

Nachdem die Neonazis wieder im Rathaus waren, ging der Demonstrationszug los und ich ging mit. Zunächst liefen wir über die breite Ringstraße zur Neuen Synagoge. Schon seltsam, auf einer viel befahrenen Straße ohne direkten Kontakt zu Passanten zog die Demo durch die Stadt. Nur aus den nahe gelegenen Platten schauten einige Menschen herunter, manche schienen sich auch zur Demo zu äußern. Doch die Demonstration kam noch in eine belebte Einkaufstraße. Hier kamen wir an Geschäften und Cafes vorbei. Einige schauten neugierig, andere verwundert oder belustigend, andere ablehnend zu uns herüber. Die Neonazis im Stadtrat schienen nur wenige zu interessieren. Vielen war das wohl egal, wer da so im Stadtrat saß.

Zum Abschluss näherten wir uns wieder dem Rathaus. Einige Jugendliche stürmten lauthals Anti-Nazi Parolen skandierend in das Rathaus. Doch wie zu erwarten war, kamen sie nicht weit. Die Ordnungskräfte beförderten die Unruhestifter rasch wieder ins Freie. Auch hier konnte die Presse wieder von linken Ruhestörern oder Chaoten schreiben. Es lebe das Klischee. Doch leider bestätigen dies einige immer wieder aufs neue. Vor dem Rathaus sammelte sich die Gruppe noch einmal. Das aufmerksame Auge des Gesetzes filmte die Menge mit der Kamera. Sie wollten wohl Beweise festhalten. Warteten sie wieder, dass die Nazis aus dem Rathaus kommen und es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt? Möglich. Doch die Stadtratssitzng war wohl noch nicht fertig und somit war damit nicht zu rechnen. Aber einige Teilnehmer der Demo ruhten sich jetzt vor dem Eingang auf und warteten offenbar auf deren Erscheinen. Darauf wollte ich aber nicht mehr warten und ging weiter.

Fazit dieser Demo. Nach längerer Zeit nahm ich mal wieder an einer Demo gegen Rechts teil. Eigentlich war sie so wie ich es erwartet hatte. Viele Jugendliche waren darunter, auch Autonome. Manche Parolen waren schon ziemlich platt und wenig einfallsreich. Aber lustig waren die Sprüche schon irgendwie. Früher hätte ich auch lauthals mitgebrüllt. Doch heute bin ich alt und faul geworden. Nein nicht wirklich, nur sehe ich manche Dinge etwas differenzierter. Parolen helfen wenig, das braune Gedankengut aus der Welt zu schaffen. Aber trotzdem halte ich solche Demos für wichtig. Und deswegen bin ich auch spontan mitgelaufen und schreibe hier meine Erlebnisse auf.


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